Trommelbauch (2010)

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Besonders subtil ist das nicht. Dik Trommel (Michael Nierse) zieht von Dicksleben nach Dünnhausen, weil seine Eltern dort ein Restaurant eröffnen wollen. Aber in Dünnhausen will man die Köstlichkeiten von Diks Vater, der Koch mit Leib und vor allem Seele ist, nicht recht goutieren, denn bei Schokoladentorte, Lammkeule, Bananencreme oder auch nur Hot Dogs wenden sich die Bewohner von Dünnhausen entgeistert ab. Hier werden allenfalls kalorienarme Gemüseshakes getrunken, im Supermarkt gibt es eigentlich nur Gemüse zu kaufen, nebst einigen Regalkilometern unterschiedlicher Mineralwassersorten.

Trommelbauch ist völlig überspitzt und aufgedreht, bis es quietscht: Es gibt nur schlank und dick, dazwischen eigentlich nicht viel, aber die starken Gegensätze dienen natürlich dem Ziel, die kritische Auseinandersetzung mit Schlankheits- und Fitnesswahn durch dessen Übertreibung zu erreichen – und ganz nebenbei aus der Differenz so viel komisches Potential herauszupressen, wie es nur geht.

Am besten ist Trommelbauch dann, wenn es die sozialen Mechanismen beschreibt, mit denen Konformität hergestellt wird – die schweigenden Blicke, ironischen Bemerkungen, hochgezogenen Augenbrauen einerseits, Ausgrenzung und ernsthaftes Bullying andererseits. Mit letzterem hat natürlich vor allem Dik zu kämpfen, während seine Mutter vor allem ersteres deutlich bemerkt. Sie ist auch diejenige, die als erste darauf reagiert und nicht nur damit beginnt, ihr eigenes Verhalten entsprechend abzuändern, sondern auch ihrem Mann andere Speisen für sein Restaurant vorschreibt – und so tatsächlich für ein wenig Kundschaft sorgt.

An dieser Stelle wird auch schon deutlich, wie genau Regisseur Arne Toonen und seine Autoren sich mit den Geschlechterstrukturen, die gerade bei Körperbildern eine große Rolle spielen, beschäftigt haben: Dik und sein Vater widerstehen dem Druck der Gemeinschaft wesentlich länger als ihre Mutter. Und während Dicksein (in Trommelbauch wird das nicht mit „mollig“ oder „kräftig“ umschrieben) eher geschlechtsneutral beschrieben wird (was natürlich nicht ganz präzise ist), hat der Druck zu Fitness und Schlankheit konkrete Geschlechterformen.

In Dünnhausen gibt es nämlich jährlich einen Sommerwettstreit, bei dem die Jungen gegeneinander in sportlichen Wettkämpfen antreten – die Mädchen hingegen in einem Schönheitswettbewerb. (In Dicksleben traten Jungs und Mädchen alle gegeneinander an – und gewonnen hatte, wer nach einem Sprung vom Dreimeterbrett das meiste Wasser aus dem Schwimmbecken befördert hatte.)

Ein wenig krankt Trommelbauch letztlich daran, dass er sich seines Themas nicht ganz sicher ist und ihm gelegentlich die kritische Gedankentiefe fehlt, die eine auf die Körper fokussierte Auseinandersetzung benötigt hätte; aber immerhin wendet sich der Film dem Thema offensiv und mit dem Blick für Kinder zu.

Toonens Film allerdings geht es mehr noch als um den Körper um Konformität. In Dünnhausen sehen die Leute auch deshalb so langweilig ähnlich aus, weil ihre Kleidung (wie auch ihre Häuser und vieles mehr) fast durchweg weiß sind oder in hellen Pastelltönen. Alle sind immerzu in Bewegung, selbst in der Schule haben alle Kinder ein paar Pedale unter den Tischen, damit sie während der Unterrichtsstunden noch Bewegung haben. (Das hat auch unzweifelhaft neurotische Züge; der Hund der Diät-Spezialistin heißt Atkins.)

Die Dicken hingegen, sie kleiden sich und geben sich wie Individuen, sie sind spontan und natürlich genussorientiert – auch liebesfähiger. Das ist wiederum überspitzt, aber es trifft den Kern: In Konformität kann keine echte Menschlichkeit liegen, und in reiner Gewichtsfixierung kein entspannter Umgang mit sich selbst und anderen. So ist es denn auch kein Wunder, dass es schließlich Diks Initiative ist, seine unbedarfte Offenheit und Zuneigung zu einem Mädchen in der neuen Stadt, die die Dinge schließlich in Bewegung bringen: „Ein gesunder Geist wohnt im rundlichen Körper.“

Trommelbauch (Dik Trom), Niederlande 2010. Regie: Arne Toonen. 85 Minuten, FSK 0 (empfohlen ab 8 Jahre). Ab 3. Juli 2014 auf DVD und Blu-ray.

Weiteres Material zum Film, auch zur pädagogischen Begleitung, findet sich bei kinofenster.de und bei visionkino.de.

(Fotos: alpha Medienkontor)

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