Nordische Filmtage Lübeck 2013

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Morgen beginnen in Lübeck die Nordischen Filmtage, die bis Sonntag laufen, und wie immer gibt es eine große Sektion, die allein dem Kinder- und Jugendfilm aus Dänemark, Estland, Finnland, Island, Lettland, Litauen, Norwegen und Schweden gewidmet ist – mit zahlreichen Streifen, die noch gar nicht oder nur auf Festivals in Deutschland zu sehen waren. Ich beneide jetzt schon alle, die einen Besuch dort einrichten können.

Das komplette Programm lässt sich leicht hier durchsuchen oder herunterladen; alle Filme aus der Sektion Kinder- und Jugendfilm sind hier aufgelistet. Filme für Kinder ab 14 Jahren werden mit englischen Untertiteln gezeigt, bei den anderen wird der deutsche Text meist eingesprochen, was aber ja für Kinder meist wunderbar funktioniert.

Ich stelle hier die Langfilme kurz mit Inhaltsangabe (übernommen von der Festivalseite, ebenso wie die Altersempfehlungen, nach denen ich die Streifen sortiert habe) und Trailer vor; darüber hinaus gibt es auf dem Festival noch ein umfangreiches Kurzfilmprogramm für Kinder aller Altersgruppen.

Casper und Emma – Beste Freunde (Karsten og Petra blir bestevenner)
Norwegen 2013, 75 Min., Regie: Arne Lindtner Næss, empfohlen ab 6 Jahren

So schnell wie sich ihre Stofftiere, Caspers Löwe und Emmas weißes Kaninchen, miteinander anfreunden, so schnell werden auch ihre Besitzer zu guten Freunden, als Casper und Emma sich im Kindergarten kennen lernen. Emma hat bald Geburtstag, und nichts wünscht sie sich mehr als einen Hund. Bassa soll es sein, den die Kinder im Tierheim schon besucht haben. Emmas Kaninchen gefällt das allerdings gar nicht. Das fünfte Rad am Wagen mag das sensible Langohr nicht sein – und deshalb läuft es bei der Besichtigung einer Feuerwehrwache weg. Doch dann ist es ausgerechnet Bassa, der das ausgebüxte Schmusetier zu Emma zurückbringt! Nach den beliebten Kinderbüchern ist zauberhaftes Wohlfühlkino für die Kleinen entstanden, bei dem Animationen die Protagonisten zuweilen in Prinz und Prinzessin verwandeln oder in einen indischen Dschungel versetzen.

Die Legende vom Weihnachtsstern (Reisen til julestjernen)
Norwegen 2012, 77 Min., Regie: Nils Gaup, empfohlen ab 8 Jahren (ab 14. November bundesweit im Kino)

Auf der Flucht vor Dieben versteckt sich die 14-jährige Sonja in der Vorratskammer des Königsschlosses und erfährt dort von einer unglaublichen Geschichte: Nachdem seine Tochter auf der Suche nach dem Weihnachtsstern im dunklen Wald verlorenging, verfluchte der traurige König den leuchtenden Stern, der daraufhin vom Himmel verschwand. Nur wenige Tage bis Weihnachten bleiben ihm, den Stern aufzuspüren und seine Tochter wiederzufinden. Gerührt bietet ihm Sonja ihre Hilfe an. So beginnt ein fantastisches Abenteuer, bei dem Sonja nicht nur magischen Waldelfen, sondern sogar dem Weihnachtsmann begegnet! Doch auch ein paar düstere Gestalten heften sich an ihre Fersen …

Die Anderssons in Griechenland (Sune i Grekland – All Inclusive)
Schweden 2013, 95 Min., Regie: Hannes Holm, empfohlen ab 8 Jahren

Normalerweise verbringen die Anderssons ihre Sommerferien auf einem Campingplatz. Doch in diesem Jahr muss Rudolf, der sparsame Familienvorstand, seine Ehefrau und die drei Kinder nach Griechenland einladen, weil es zunächst so aussah, als würde Rudolfs Vorgesetzter bei der Steuerbehörde den teuren Urlaub im Rahmen einer Dienstreise bezahlen. Doch Rudolf ist auch in der Freizeit am Rechnen: Während Ehefrau Karin im Ferienresort eine alte Schulfreundin wiedertrifft, die Tochter sich nach dem Freund in Schweden sehnt, der kleine Håkan für Wirbel sorgt und Teenager Rune sich ernsthaft verliebt, hält Rudolf eisern die Kosten für alles fest – „all inclusive“ muss sich schließlich rechnen!

Antboy
Dänemark 2013, 77 Min., Regie: Ask Hasselbalch, empfohlen ab 9 Jahren

Pelle ist zwölf und ganz klar ein „Opfer“. Amanda, das Mädchen, in das er verliebt ist, nimmt ihn kaum einmal richtig wahr. Dafür haben ihn die Klassenrüpel um so mehr auf dem Kieker. Als Pelle wieder einmal auf der Flucht vor ihnen ist und sich in einem dunklen Garten versteckt, wird er von einer großen Ameise gebissen und anschließend von seltsamen Träumen gequält. Am nächsten Morgen verfügt Pelle auf einmal über „Ameisen-Superkräfte“: Er ist stark, kann Wände hochklettern und, tja, sein Urin ist zu einer gefährlichen Säure mutiert. Von seinem Freund Wilhelm ermutigt, nimmt Pelle die schwere Verantwortung auf sich: Als „Antboy“ legt er von nun an den Ganoven seiner Stadt das Handwerk – bis ihm in Gestalt der „Fliege“ ein womöglich noch stärkerer Superschurke entgegentritt und auch gleich Pelles schwächste Stelle trifft: nämlich seine Liebe zu Amanda …

Die harten Jungs (De tøffeste gutta)
Norwegen 2013, 74 Min., Regie: Christian Lo, empfohlen ab 9 Jahren

Modulf ist elf und ein Superheld – jedenfalls hält er sich dafür. Deshalb nimmt er es auch regelmäßig mit den Klassenrüpeln Frank und Jørgen auf: In schöner Regelmäßigkeit lässt er sich von ihnen schikanieren und verprügeln. Besser, es trifft ihn, als irgendeinen einen Schwachen, sagt sich Modulf und gesteht sich dabei nicht ein, dass er in Wahrheit von allen Schülern der Schwächste ist – und mit seiner Duldsamkeit tatsächlich niemandem hilft. Bis Lise in seine Klasse kommt. Das Mädchen kann Aikido und zeigt Modulf, wie man sich wehrt. Als daraufhin jedoch auch Lise zur Zielscheibe des Mobbings wird, glaubt Modulfs sie nur schützen zu können, indem er sich von seiner neuen Freundin distanziert. Aber gerade noch rechtzeitig durchschaut der Junge die Hackordnung in seiner Klasse. Daraufhin begehrt er auch ohne „Superkräfte“ gegen sie auf …

Eskil und Trinidad (Eskil och Trinidad)
Schweden 2013, 98 Min., Regie: Stephan Apelgren, empfohlen ab 10 Jahren

Eskil kommt in Schweden viel herum. Denn sein Vater ist Ingenieur und muss die Kernkraftwerke des Landes warten oder reparieren. Eskils Mutter lebt in Dänemark, weil sie dieses unstete Leben nicht mehr ertrug. Auch Eskil bereitet es viele Probleme: Kaum hat er Freunde gefunden, muss er weiterziehen. Zwar spielen die Kinder in jedem Ort Eishockey, so dass Eskil überall leicht Anschluss finden kann. Doch anders als sein Vater, der früher sogar ein Eishockey-Profi war, findet Eskil den Sport gar nicht so toll. Viel interessanter findet der sensible Junge alles, was mit Seefahrt und Schiffen zu tun hat. Deshalb ist er auch sofort von Trinidad fasziniert, einer eigentümliche Frau, die sich in einen Schuppen am Rande des Dorfs zurückgezogen hat und ein eindrucksvolles Boot zusammenbaut, mit dem sie in die Karibik aufbrechen will.

Mutter, ich hab dich lieb (Mammu, es tevi milu!)
Lettland/Litauen 2013, 83 Min., Regie: Janis Nords, empfohlen ab 10 Jahren

Raimonds spielt Saxofon im Schülerorchester seines Gymnasiums. Als er wegen ungebührlichen Verhaltens einen Tadel erhält, verschweigt er dies wohlweislich seiner alleinerziehenden Mutter, die als Ärztin in einer Geburtsklinik arbeitet. Diese Unterschlagung hat jedoch schlimme Folgen für Raimonds, der nun von einem Schlamassel in den nächsten gerät – bis er, nach dem Verlust seines Saxofons kurz vor dem großen Orchesterauftritt, wegen Diebstahls mit seiner Mutter sogar aufs Polizeirevier muss. Der fast ausschließlich mit Laien besetzte und eindringlich aus Raimonds Perspektive erzählte Film offenbart nachvollziehbar die Verzweiflung und Gewissensqualen eines kindlichen „Geheimnisträgers“, der nur sehr zögerlich mit der Wahrheit ans Licht kommt. Genau wie seine gestresste Mutter übrigens, die ihrem Sohn auch etwas verheimlicht hat …

Miss Blue Jeans (Miss Farkku-Suomi)
Finnland/Schweden 2012, 96 Min., Regie: Matti Kinnunen, empfohlen ab 14 Jahren

Oulu 1977. Selbst in der finnischen Kleinstadt liegt eine kulturelle Revolution in der Luft. Sogar hier hat man von Lou Reed, Velvet Underground und den New York Dolls gehört. Der 17-jährige Välde ist ein glühender Bewunderer nicht nur ihrer Musik. Wie seine Vorbilder schneidet er sich die Haare kurz und malt sich mit dem Mascara seiner Mutter die Augen schwarz. Noch mehr Aufmerksamkeit als er erringt allerdings Väldes Klassenkameradin Pike, als sie zur finnischen „Miss Blue Jeans“ gewählt wird. Fast scheint sich eine Liebe zwischen ihnen anzubahnen. Doch als Pike sich für einen spießigen Konkurrenten entscheidet, stürzt sich Välde ganz in den Punk. Songs von Lou Reed und den New York Dolls treiben „Miss Blue Jeans“ ebenso voran wie Songs des finnischen Rockmusikers und Schriftstellers Kauko Röyhkä, nach dessen Roman dieser Film als ein mitreißendes Zeitbild entstand.

Zickenalarm (Bitchkram)
Schweden 2012, 101 Min., Regie: Andreas Öhman, empfohlen ab 14 Jahren

Kristin hat das Kleinstadtleben satt. Nicht nur in der Schule, auch von ihrer Schwester Linn fühlt sie sich nur noch genervt. Wie gut, dass die Schulzeit bald hinter ihr liegt und sie auch Linn nicht mehr zu sehen kriegt! Denn gleich nach dem Abschluss wird Kristin die Kleinstadt verlassen und in die Stadt ihrer Träume fliegen: New York! Sie hat dort sogar schon einen Job: Vom Chefredakteur ihrer Lokalzeitung hat sie den Auftrag erhalten, regelmäßig aus der Stadt, die niemals schläft, zu berichten. Doch dann ist es ausgerechnet Kristin, die den Flug nach New York „verpennt“. Frustriert und aus Angst vor Hänseleien sieht sie keine andere Chance, als sich bei ihrer Freundin Andrea einzuquartieren. Vorm Computer machen sich die beiden stil- und modebewussten Mädchen daran, ihr „virtuelles“ New York zu entwerfen, aus dem Kristin von nun Begeisterndes zu berichten weiß.

Trauere nicht um mich, Göteborg (Känn ingen sorg)
Schweden 2013, 119 Min., Regie: Måns Mårlind, Björn Stein, empfohlen ab 14 Jahren

Pål ist Musiker – ein ganz besonders sensitiver. Nicht nur seinen Liedern hört man das an, auch in seiner Persönlichkeit kommt dies zum Ausdruck. Denn zwar träumt Pål schon immer davon, sich einem großen Publikum zu offenbaren. Doch er traut sich nicht, ihm wirklich zu begegnen. Denn Pål hat Bühnenangst – und dies seit seinen Kindertagen. Gemeinsam mit seinen Freunden Johnny und Lena macht er sich daran, sein Problem zu lösen. Und nicht nur das Publikum will erobert sein, sondern auch Eva, die Sängerin, die er nicht nur künstlerisch verehrt … Mit den filmischen Mitteln emotionsstarker Hollywood-Produktionen erzählen Mårlind & Stein, die „Shooting Stars“ unter den schwedischen Regisseuren, eine bittersüße Liebesgeschichte, die auf Liedern des schwedischen Singers/Songwriters Håkan Hellström beruht.

Tina & Bettina
Norwegen 2012, 85 Min., Regie: Simen Alsvik, empfohlen ab 14 Jahren

Tina und Bettina sind die prototypischen Vertreterinnen des Osloer Westends. Auf Prolls und Nerds, die nicht das Glück haben, in ihrem reichen Stadtteil aufzuwachsen, sehen die Mädchen nur mit Verachtung herab. Eines Tages jedoch sind die beiden Teenager in ihrer rosaroten Barbie-Welt mit einem unerwarteten „Einwandererproblem“ konfrontiert. Als Vorsitzende des Schülerrats an ihrer elitären Oberschule sind sich Tina und Bettina ihrer Beliebtheit unter den Mitschülern nur allzu sicher. Dann jedoch kommt ein neues Mädchen in ihre Klasse und mit ihrem Super-Aussehen löst Synnøve Rivalitäten aus, die zu Halloween heftig eskalieren. „Tina und Bettina“ ist eine schrille „Teenie“-Komödie um Mädchenfreund- und -feindschaften, wobei die männlichen Comedians Odd-Magnus Williamson und Henrik Thodesen in den Titelrollen (!) brillieren.

Die Schwere der Elefanten (The Weight of Elephants)
Dänemark/Neuseeland/Schweden 2013, 83 Min., Regie: Daniel Joseph Borgman, empfohlen ab 14 Jahren

An dem Tag, als in Neuseeland drei Kinder spurlos verschwinden, verpasst Adrians Großmutter ihrem elfjährigen Enkel einen radikalen Kurzhaarschnitt. Von dem unbehaglichen Gefühl, das die Rasur bei Adrian hervorruft, wird er sich im Lauf des Films kaum einmal erholen. Im Leben seiner Mutter war für den Jungen kein Platz; in der Schule wird er von den Mitschülern gemobbt; sein engster Kontakt ist sein Onkel, ein depressiver Maler, der jedoch binnen Kurzem in die Psychiatrie abgeschoben wird. Einzige Lichtblicke in Adrians Leben sind die Begegnungen mit drei neu zugezogenen Nachbarskindern. Eines der Mädchen jedoch schmiedet Selbstmordpläne und bezieht Adrian mit hinein.

Ferox (Falskur fugl)
Island 2013, 79 Min., Regie: Thór Ómar Jónsson, empfohlen ab 16 Jahren

Trotz Therapie und Antidepressiva kommt Arnaldur über den Suizid seines Bruders nicht hinweg. Als der 16-Jährige auf Indizien stößt, die beweisen, dass Gulli vor seinem Freitod von einem Lehrer missbraucht worden ist, schlägt er den Pädagogen krankenhausreif. Weil dieser jedoch strafrechtlich weiterhin nicht belangt wird, schmiedet der Teenager unter Zuhilfenahme eines Freundes einen mörderischen Racheplan, der für alle Betroffenen fatale Konsequenzen hat. In seinem starken Debüt entwickelt Regisseur Thór Ómar Jónsson nicht allein das verstörende Psychogramm eines verstörten Teenagers. Die unabhängig finanzierte „Indie“-Produktion, die mit drastischen Bildern sparsam, aber höchst effektiv operiert, kann darüber hinaus als das Porträt einer isländischen Jugend verstanden werden, die sich von der Elterngeneration im Stich gelassen fühlt.

Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später. (Homepage)

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