FilmFest Osnabrück 2013

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Gestern hat das 28. Unabhänige FilmFest Osnabrück begonnen, das die niedersächsische Stadt mit einem schönen Programm versorgt; ab morgen werden dort außerdem eine ganze Reihe von Kinder- und Jugendfilmen, vor allem Dokumentarfilmen, gezeigt, die ich hier kurz vorstellen möchte; ich hoffe, dass meine Zeit auch reicht, um bald schon noch ein paar Besprechungen folgen zu lassen.

Für kleinere Kinder bietet sich vor allem das Ufolino-Kurzfilmprogramm am Sonntag an – ein Event voller kleiner Klassiker, die ich z.T. hier auch schon vorgestellt habe, was aber vor allem bedeutet: Wenn man schon die Möglichkeit hat, sollte man sich das auch im Kino ansehen! Gezeigt werden: Die Prinzessin, der Prinz und der Drache mit den grünen Augen, Kleider machen Freunde (Trailer), der wunderbare Chinty, der nicht minder großartige Mein seltsamer Großvater, Tumbleweed Tango, Rotkäppchen in deutscher Gebärdensprache sowie Der kleine Vogel und das Blatt und Hopp-Frosch.

Ansonsten werden am Wochenende zu sehen sein:

For No Eyes Only

Hochspannender Jugend-Thriller über einen Schüler, der mittels Internet-Spionage in seiner Schulklasse einen Mord aufzuklären versucht: Durch einen Unfall während des Trainings ist der Teenager Sam vorerst vom Hockey ausgeschlossen. Stattdessen entwirft der Informatik-Freak ein eigenes Computerprogramm und beschäftigt sich fortan fröhlich mit dem Ausspionieren seiner Mitschüler via Webcam. Dabei fällt sein Auge auch auf den seltsamen Neuen der Klasse, Aaron. Bei diesem wittert Sam schnell grausame Geheimnisse, die er auf eigene Faust ergründen will. Hilfe bekommt er dabei überraschend von seinem heimlichen Schwarm Livia, und zusammen beginnen die beiden eine gefährliche Detektivarbeit. Als moderne Fassung von Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ zeichnet Tali Bardes beeindruckender Debütfilm ein vielschichtiges Bild vom Webbasierten Alltag heutiger Jugendlicher. Dabei weiß der perfekt inszenierte Thriller nicht nur humorvoll und spannend zu unterhalten. Zugleich stellt „For No Eyes Only“ die hochbrisante Frage nach Privatsphäre in Zeiten von Facebook und Google.

Empfohlen ab 12 Jahren.

Deine Schönheit ist nichts wert

Der 12jährige Veysel, halb Kurde – halb Türke, lebt in Wien und ist neu in einem fremden Land: In der Schule kann er die Sprache nicht, und zu Hause gibt es Streit, da sich Veysels großer Bruder gegen den Vater auflehnt. Die einzigen glücklichen Momente sind Veysels Gedanken an Ana, das Mädchen aus seiner Klasse, in das er unsterblich verliebt ist. Veysel flüchtet sich in Träumereien – bis er eines Tages seinen türkischen Nachbarn kennenlernt, einen 33jährigen Macho mit Liebeskummer, der zu seinem ersten richtigen Freund wird. Doch dann steht plötzlich die Polizei wegen einer möglichen Abschiebung vor der Tür. Konsequent aus der Perspektive seiner jungen Hauptfigur macht „Deine Schönheit ist nichts wert“ auf berührende Weise erfahrbar, wie schwierig es ist, in fremder Umgebung die eigene Persönlichkeit zu entdecken.

Empfohlen ab 10 Jahren.

Groß wie der Affenbrotbaum

In einem senegalesischen Dorf sind die Schwestern Coumba und Debo die ersten überhaupt in ihrer Familie, die zur Schule gehen dürfen. Doch als ihr älterer Bruder sich bei einem Sturz verletzt, entstehen hohe Arztkosten, welche der Vater nicht bezahlen kann. Daher soll die 11jährige Debo die Schule verlassen, um ganz nach Tradition in eine arrangierte Ehe verkauft zu werden. Hin und her gerissen zwischen ihren Eltern und dem Traum von einer unabhängigen Zukunft, die Coumba mit Hilfe der schulischen Bildung zu erreichen hofft, entwickelt sie einen Plan, um ihre Schwester Debo vor dem Schicksal der Zwangsheirat zu bewahren. Doch daraus wird ein Wettlauf gegen die Zeit.

Empfohlen ab 10 Jahren.

Mutterseelenallein

Eindrucksvoller Dokumentarfilm über drei Schwestern (10, 6 und 4 Jahre), die ihren rauen Alltag in der abgelegenen chinesischen Provinz Yunnan mehr oder weniger allein bewältigen: Die Mutter der drei Kinder hat die Familie schon vor Jahren verlassen, der Vater arbeitet in der entfernten Großstadt. Die Älteste – gelegentlich unterstützt vom Großvater und einer Tante – kümmert sich um ihre kleineren Schwestern und vernachlässigt dafür die Schule. Trotz ihrer schwierigen Lebensumstände haben die drei Schwestern ihre Lebensfreude nicht verloren. Ihr Dasein ändert sich drastisch, als ihr Vater die beiden Jüngeren mit zu sich in die Stadt nimmt und die älteste Tochter beim Großvater lässt. In „Mutterseelenallein“ zeigt der Dokumentarfilmer Wang Bing mit beklemmender Intensität die bittere Armut in der chinesischen Provinz und erweist sich einmal mehr als exzellenter und sensibler Beobachter des heutigen China.

Empfohlen ab 8 Jahren.

Mit stolzen Fäusten

Dokumentarfilm über den bitteren Alltag illegaler Wirtschaftsflüchtlingskinder aus Birma (Myanmar) in der verarmten thailändischbirmanischen Grenzstadt Mae Sot, die sich mit dem Gewinn von Thai-Box-Wettkämpfen über Wasser halten: „Lion“, „Little Tiger“ und „Puma“ – wie sich die 10 bis 14jährigen Jungen nennen – widmen sich Tag für Tag dem harten Training im Box-Camp – die Schule und auch ein Familienleben haben sie dafür aufgegeben. Obwohl sie teilweise kaum das Teenageralter erreicht haben, werden sie auf dem alljährlichen Wasserfestival in Thailand gegen andere Kinder in den Boxring geschickt – die Angst ist dabei ihr ständiger Begleiter. Die kanadische Regisseurin Hélène Choquette gewährt uns mit „Mit stolzen Fäusten“ einen intensiven Einblick in eine harte Welt, in der sich Kinder scheinbar nur mit Schlägen und Tritten aus der Armut befreien können.

Empfohlen ab 12 Jahren.

Ödland – Damit keiner das so mitbemerkt

In atemberaubend schönen Schwarzweiß-Bildern berichtet dieser berührende Dokumentarfilm von Kindern, die mitten in Deutschland ihre Sommerferien in einem Asylbewerberheim verbringen: Aya, Muhammad und Mustafa haben Sommerferien. Ihre Familien sind vor vielen Jahren aus Kriegsgebieten geflüchtet und leben seitdem in einem Asylheim auf dem Gelände einer alten Kaserne, weit ab von allem, mitten in Deutschland. Um sich zu beschäftigen und Geld für Silvesterknaller zu verdienen, sammeln die Kinder Kupferschrott. Viel gibt es auch nicht zu tun an diesem Ort mit Feldern, Schafen und einem Bus, der nur dreimal am Tag vorbeifährt. In Originalkommentaren der Eltern beschreiben diese ihr früheres Leben in Ländern, in denen Krieg herrschte, und ihre jetzige Existenz in der Abgeschiedenheit. Bewusst verzichten die Filmemacher auf eine Schilderung der Hintergründe, um somit das Lebensgefühl der Kinder mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

Empfohlen ab 10 Jahren. (Hier ein Interview zum Film, geführt auf der Berlinale.)

(Die Inhaltsangaben und Altersempfehlungen stammen vom Festival.)

Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später. (Homepage)

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