Michel-Festival: Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen (2013)

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Derzeit läuft das Michel Kinder- und Jugendfilmfestival in Hamburg. Hier im Blog bespreche ich eine Handvoll der Filme, die ich vorab sehen konnte. Bisher schon besprochen: Mister Twister, Sputnik und Kopfüber.

Jean und sein kleiner Bruder Paul kabbeln sich ziemlich viel; abends, wenn sie eigentlich in ihren Betten liegen sollten, gibt es schonmal die eine oder andere etwas heftigere Kissenschlacht, und auf dem Rücksitz des Renault R4, mit dem sie ihre Babysitterin (wobei das französische “Nounou” hier treffender “Kinderfrau” meint) Yvette nachmittags aus Schule und Kita abholt, geht es auch gerne mal zur Sache. Es sind die frühen Siebzigerjahre, anscheinend sind Sicherheitsgurte noch keine Pflicht, dafür sind die Hemdkragen etwas länger.

Der Vater der beiden Jungen leitet eine Fabrik und hat wenig Zeit oder Kontakt zu seinen Söhnen, die Mutter ist abwesend – und, wie zumindest der erwachsene Zuschauer schnell ahnt, vor einiger Zeit gestorben. Das Nachbarsmädchen Michèle erfindet ihm Geschichten von seiner Mutter, die Ansichtskarten schicke – Jean kann noch nicht lesen und lässt sich gern in diese Illusion fallen von einer Mutter, die um die ganze Welt reist, Brasilien, die USA, eine Wildwestshow mit Buffalo Bill… und in seiner Phantasie reitet und läuft er immer wieder durch diese Welten.

So weit diese Postkarten den Bogen spannen, so klein sind die Geschichten, die Ma maman est en Amérique, elle a rencontré Buffalo Bill wirklich erzählt. Es geht um Streit und Rivalitäten auf dem Schulhof, um Auseinandersetzungen zwischen Geschwistern und Freunden und die seltsamen Dinge, die Erwachsene tun. Es geht darum, dass Jean, frisch eingeschult, seine autoritär regierenden Lehrerin nicht leiden kann und natürlich darum, dass sein Bruder und er abends sehnsüchtig auf den viel zu abwesenden, auch recht einsamen Vater warten.

All das wird oft mit kleinen, fein gezeichneten Gesten gezeigt; ohne großes Drama und ohne große Betonung. Der Zeichenstil orientiert sich stark an der dem Film zugrunde liegenden, gleichnamigen Graphic Novel (amazon) von Jean Regnaud und Émile Bravo, die 2010 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis als bestes Kinderbuch ausgezeichnet wurde; die Erzählhaltung – ich kenne das Buch leider noch nicht im Detail – scheint für das Medium Film angepasst und leicht verschoben worden zu sein. Marc Boréal und Thibaut Chatel haben sich hier in allem auf die kleinen Dinge konzentriert, ganz auf Blickwinkel und Staunen eines kleinen Jungen, der wächst und lernt und wachsen muss, selbst wenn das heißt, schmerzhafte Dinge zu begreifen. (Und das alles ist viel weniger pathetisch als es klingt, eher zart schmerzhaft.)

Und zugleich ist es witzig, die untergegangene Welt unserer Vergangenheit für Erwachsene womöglich auch nostalgisch-wehmütig angehaucht. So wird daraus ein bezaubernder, vielstimmig berührender Trickfilm, der von Freundschaft, Liebe, Tod und Wachsen erzählt und dabei keinen falschen Ton anstimmt.

Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen (Ma maman est en Amérique, elle a rencontré Buffalo Bill), Frankreich/Luxemburg 2013, 75 Min. Regie: Marc Boréal, Thibaut Chatel. FSK n/a. Empfohlen ab 7 Jahren. (Termine auf dem Michel Kinder- und Jugendfilmfestival)

(Foto: Michel Kinder- und Jugendfilmfestival)

Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später. (Homepage)

2 Gedanken zu „Michel-Festival: Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen (2013)“

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