Arielle, die Meerjungfrau (1989)

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Woher haben Meerjungfrauen eigentlich einen Bauchnabel? Ihre Zeugung müsste, beachtet man den Körperbau, ja eigentlich nach Fisch-Manier vonstatten gehen. Aber vielleicht hängen sie im Ei mit Nabelschnur am Dottersack? Nun ja, ich schweife ab.

Der Bauchnabel der Protagonistin ist in Arielle, die Meerjungfrau oft zu sehen, weil sie einen Gutteil des Films nur mit einem Muschel-BH (die Übersetzung macht im Versuch eines Scherzes einmal „Austern“ daraus, so ein Quatsch) bekleidet herumschwimmt – und ihrem Fischschwanz natürlich, wenn man den als Kleidung betrachten will. Und dies betont womöglich noch die Darstellung von Frauenkörpern, wie sie grundsätzlich auch in anderen Disney-Filmen zu finden ist: Große Augen, wallendes Haar, schlank und grazil – aber mit den durch das einzige Kleidungsstück betonten Brüsten rutscht ihre Körperlichkeit schon sehr nah dran an die Idealmaße aus Germany’s Next Topmodel.

Aus Hans-Christian Andersens Kunstmärchen von der Meerjungfrau (hier zum Nachlesen), auf dem er beruht, zieht der Film seine wesentlichen Handlungselemente: Die Meerjungfrau will den Prinzen für sich gewinnen und lässt sich deshalb auf einen Handel mit der Meerhexe ein, der ihr unter anderem ihre Stimme raubt.

Im Originaltext stehen dahinter große Motive: Gut und böse, Seele und Verdamnis – bei Disney wird daraus zuallererst eine strikt diesseitige Geschichte, in der sich wiederum alte, starke Motive versammeln: Die Trennung von der „alten“ Familie (streng patriarchal durch den Vater repräsentiert, die Mutter ist abwesend), das Erwachsenwerden mit dem Abschied vom Alten. Und anders als im Märchen hat Arielle natürlich ein klassisches Happy-End.

Vor allem aber dreht sich die Disney-Geschichte um die Zurichtung der Protagonistin zur perfekten Partnerin – mangels Stimme vor allem mittels ihrer Körperlichkeit. Das ist ein Kurs im Prinzenabkriegen durch körperliche Perfektion und Verführung. Ist das eigentlich noch ein Kinderfilm?

Es gibt da diesen Hauch von Ironie und Kritik, als die Meerhexe beschreibt, wie Arielle sich ihren Mann angeln soll: ganz ohne Stimme, nur ihr Äußerliches hervorhebend. Da schwingt ein wenig mit, dass dies ein Mangel ist, eine Kritik an den Verhältnissen, die sich die Frau gerne schweigend wünschen. Aber dann ist es eben doch affirmativ – Arielle blinzelt sich ins Herz ihres Prinzen, wogegen die Hexe nur mit Tricks und der Zauberei von Arielles Stimme angehen kann.

Retten die Songs das, für die der Film immer so gepriesen wurde, weshalb (Ute Lemper!) auch die Fangemeinde die Rückkehr der Originalsynchronisation auf der frischen Blu-ray (amazon) jetzt so begrüßt hat. Natürlich sind die Liedchen recht schmissig, aber das einzige, das so richtig im Gedächtnis bleibt und nicht vor seltsamer heterosexueller Zweisamkeit trieft, ist eben „Unter dem Meer“ – und das reicht nicht, um einen Film zu tragen.

Ich hatte schon angesichts von Super Buddies überlegt, wie es möglich sein kann, dass Disney so eine dominante Position hat, was die Produktion kultureller Artefakte für Kinder angeht. An Arielle lässt sich vor allem zeigen, wie stark Disney hier Stereotype aufnimmt und verstärkt, die gesellschaftlich virulent und wirksam sind. Dass die Protagonistin hier buchstäblich keinen anderen Existenzgrund hat und keinen Lebenssinn sieht als die Erfüllung ihres heterosexuellen Begehrens in der Eheschließung, ist ein Armutszeugnis; und obwohl der Film technisch und erzählerisch immer noch besser ist, sind die Charaktere ebenso eindimensional wie in den ästhetisch noch furchtbareren Barbie-Filmen.

Als ihr Freund Fabius die mit dessen Schiff gesunkene Statue des begehrten Prinzen beschafft und in Arielles geheime Schatzkammer bringt, ist das für sie das größtmögliche Geschenk, ihre Zerstörung führt letztlich zum Bruch mit ihrem Vater. Nicht einmal dem Prinz selbst war mit dieser Statue wohl, die er als peinlich und unangemessen empfand; bei Arielle ist sie auf einmal unironisches Ziel des Begehrens. Ein weibliches Wesen, das als höchstes Gut nur die Verehrung eines Mannes kennt – wollen wir unseren Kindern wirklich solche Vorbilder zeigen?

Arielle, die Meerjungfrau (The Little Mermaid), USA 1989. Regie: Ron Clements, John Musker. 83 Minuten, FSK 0. (amazon: DVD, Blu-ray)

(Foto: Disney)

Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später. (Homepage)

3 Gedanken zu „Arielle, die Meerjungfrau (1989)“

  1. Konnte den Film gestern abend endlich nach langer Zeit mal wieder sehen und kann dir nicht ganz zustimmen. Sicherlich ist er nicht unbedingt ein Glanzbeispiel für eine gelungene Emanzipations-Erzählung und die schrecklich kitschige Hochzeit am Schluss, mit der Arielle ihre komplette Herkunft aufgibt, um bei ihrem Mann zu sein (warum nicht umgekehrt?) ist auf jeden Fall grässlich.

    Ich denke aber auch, dass der Film sich durchaus Mühe gibt, darauf hinzuweisen, dass es in allem vorher um die Verliebtheit einer Teenagerin geht – und die neigen nunmal zu unreflektiertem Anbeten (auch einer Statue, oder eines Posters der letzten Boyband). Sie gewinnt Erik ja eben NICHT durch ihr Aussehen etc. (genau das, was ihr Ursula vorgaukelt, worauf Männer angeblich stehen), sondern durch ihre Stimme. Und in die stumme Arielle verliebt er sich dann noch einmal neu, weil sie witzig und fröhlich ist und ihn aus seinem Prinzenkokon holt – in dem er sich ja vorher auch geweigert hat, eine x-beliebige Prinzessin zu wählen.

    Klar, Heteronormativität und all das. Kein Meisterwerk der Geschlechterpolitik! Definitiv nicht! Aber ich denke hier sind schon Ansätze vorhanden, die progressiver sind als vieles, was Disney davor produziert hatte. Man darf ja auch nicht vergessen, dass das tragende Element des Films – die Songs – von einem brillanten schwulen Songwriterpaar komponiert wurden. Die “alte” deutsche Songübersetzung, insbesondere von “Part of your World”, ist ziemlich schlecht. In der englischen Fassung findet sich da viel mehr dieser Teenagerfrust, der Wunsch nach der Eigenständigkeit außerhalb der Palastwelt – auch unabhängig von einem Mann! – “bright young women, fit for swimming, ready to stand” (dt. “Ich will’s wissen, endlich wissen, ich bin gespannt …”, äh ja).

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