Die Abenteuer des Huck Finn (2012)

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Literaturverfilmungen sind immer so ein häßliches Gefäß, weil der Film zwangsläufig an der Vorlage gemessen wird und dieser Vergleich nicht immer wirklich passt – nicht nur, weil Film als anderes Medium andere Erzählweisen hat (oder fördert oder verlangt), sondern auch, weil eine 1:1-Abbildung des Buches nicht nur unmöglich, sondern gar nicht immer wünschenswert ist. Hermine Huntgeburth hat sich für ihre zweite Mark-Twain-Verfilmung nach Tom Sawyer (2011) sehr viele Freiheiten genommen – zum Beispiel kommt Autor Mark Twain als Figur und deus ex machina darin vor.

Huck Finn ist reich geworden, nachdem er mit Tom zusammen den Schatz von Indianer-Joe gehoben hat – aber dieses Leben bekommt ihm nicht. So verschenkt er den Schatz, und als sein Vater versucht, ihn zu benutzen, um doch wieder an das Geld zu kommen, macht er sich davon. Mit dem Sklaven Jim zusammen, der in die Nordstaaten fliehen will, um anschließend als freier Mann Frau und Kind freikaufen zu können, macht er sich auf den Weg den Mississippi hinunter.

Wie die Vorlage, Die Abenteuer des Huckleberry Finn, spielt der Film in den amerikanischen Südstaaten noch vor Beginn des Bürgerkrieges – und zeitgemäß ist für Huck dann auch die Gesellschaftsordnung, sind Sklaverei und Rassismus für ihn gewöhnlicher Alltag. Da kräuseln sich aus der Gegenwart gelegentlich die Fußnägel, aber der Film weicht – das muss man ihm zugutehalten – diesen Themen nicht aus, auch wenn er sie auf ein leicht erträgliches Maß herunterdimmt: Folter, Mißhandlungen und Morde – all das also, was Sklaverei als Ordnung überhaupt erst möglich macht – werden hier nur beschrieben und angedeutet, nie gezeigt. Der Film büßt dadurch viel von der scharfen Kritik (und auch dem oft durch Klamauk ersetzten Humor) ein, die die Vorlage ausmacht. Das ist zwar schade, aber erstmal legitim; es reduziert den Film aber eben auch auf ein eher durchschnittliches Abenteuergeschehen.

Gewiß, Die Abenteuer des Huck Finn ist stets schön anzusehen, der Streifen ist brav verträglich und kann vor allem mit einer außerordentlich feinen Besetzung der Nebenrollen (neben Leon Seidel und Jacky Ido als Huck und Jim sind August Diehl, Henry Hübchen, Andreas Schmidt, Milan Peschel, Michael Gwisdek, Kurt Krömer und Peter Lohmeyer zu sehen) aufwarten. Aber für eine leuchtende Verfilmung von Mark Twain hätte es – bei aller Freiheit und Entfernung vom Quelltext – doch etwas mehr Mut gebraucht, mehr Spitzen und Bereitschaft anzuecken.

Die Abenteuer des Huck Finn, Deutschland 2012. Regie: Hermine Huntgeburth. 102 Minuten, FSK 6. (Amazon: DVD, Blu-ray)

(Fotos: Majestic Filmverleih)

Autor: Rochus Wolff

Filmkritiker seit 2004. Vater seit etwas später. (Homepage)

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