Louis & Luca – Das große Käserennen (2015)

Der durchschnittlichen Kinobesucherin, zumal der minderjährigen, ist es vermutlich eher wurscht, wie lang der Weg ist, den ein konkreter Film von seinem ersten Auftauchen in der Welt bis zu den Leinwänden deutscher Kinos benötigt; aber als Filmkritiker, der gelegentlich das Privileg hat, Filme schon etwas früher zu sehen als viele andere Menschen, frage ich mich doch bei vielen Produktionen: Warum, bitte, hat das jetzt wieder so lange gedauert?

Louis & Luca – Das große Käserennen ist nämlich schon nicht mehr der neue Film von Regisseur Rasmus A. Sivertsen und seinem bemerkenswerten norwegischen Animationsstudio Qvisten Animation. Dieser Titel gebührt Im huckligen buckligen Wald, der gerade auf dem Schlingel-Filmfestival in Chemnitz seine deutsche Erstaufführung feierte. In seinem Herkunftsland startete Das große Käserennen schon zum Weihnachtsfest 2015 – aber, zugegeben, selbst ins gelobte Land der Cinephilie – Frankreich – brauchte der Film ein ganzes Jahr.

Warum das warten sich einerseits gelohnt hat und andererseits auch womöglich ziemlich egal ist, habe ich in meiner Kritik auf kino-zeit.de ausführlich erklärt (Spoiler: Ein toller Film!).

(Fotos: Kinostar)

Kurzfilm zum Wochenende: Kahl (2011)

Es ist Herbst, da passt Helen Dallatts Abschlussarbeit von der University of Wales, Newport. Bare (Achtung, Wortspiel!) zeigt einen Bären, der in seinem Haus im Wald erst einmal Ordnung macht. Denn Unordnung kann er gar nicht haben… Eine kleine Erzählung dazu, warum die Bären wahrscheinlich schon aus Ordnungsliebe und Erschöpfung in den Winterschlaf fallen. Oder warum Schneeengel besser sind als Schneeschippen (via).

Schönes Wochenende!

Verlosung: Captain Underpants

Am kommenden Donnerstag startet Captain Underpants – Der supertolle erste Film in den Kinos – ein Fest der Albernheiten und des fürzigen Humors.

Diese wild-subversive Komödie für die gesamte Familie erzählt die Geschichte von George und Harold, zweier allzu einfallsreicher Witzbolde, die ihren Schulleiter hypnotisieren und so glauben lassen, er wäre ein lächerlich enthusiastischer und unglaublich beschränkter Superheld namens Captain Underpants.

Mit der freundlichen Unterstützung von Twentieth Century Fox of Germany kann ich zu diesem großartigen Film hier im Blog zwei Fanpakete verlosen, jeweils bestehend aus zwei Kinotickets, einem Filmplakat, und einem Exemplar der Buchvorlage Captain Underpants: Großangriff der schnappenden Klo-Schüsseln. Um an der Verlosung teilzunehmen, müßt Ihr nur hier im Formular Eure Daten eingeben und eine einfache Frage beantworten. Die Verlosung läuft bis einschließlich 11. Oktober 2017. Der Rechtsweg ist natürlich ausgeschlossen. Nur eine Teilnahme pro Haushalt!
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Captain Underpants – Der supertolle erste Film (2017)

Der Kinderfilm hat gegenüber dem Kino für Erwachsene den großen Vorteil, dass es ihm weniger leicht übel genommen wird, wenn er mal völlig hemmungslos in Albernheiten verfällt. Wenn er auch den vermeintlich schlichteren Humor von der Leine lässt und damit so richtig durch die Toilettentüren rappelt.

Aber auch dieser Humor will gekonnt, seine Pointen wollen gesetzt sein. Es genügt nicht, infantile Scherze aneinanderzureihen, man muss sie schon zu einem großen Ganzen knüpfen, komponieren, veredeln. Mit hinreichender Grazie vorgetragen, ist dann ein Blick ins Kindliche ein Kaleidoskop des Menschlichen; mit Liebe gefüllt, wird daraus großes Kino.

Captain Underpants ist großes Kino. Das erwartet man bei diesem Film nicht unbedingt: Die Titelfigur ist ein beleibter Superheld, der sich allein in Unterhose und Cape kleidet (diese restliche Kleidung ist einfach unbequem und engt ein!), eigentlich keine Superkräfte besitzt und wahrlich nicht das hellste Licht unterm Sternenzelt ist.

Aber der Superheld ist, wenn man es genau betrachtet, nur ein Vehikel für eine ganz andere Erzählung. Für eine Meta-Geschichte über Superhelden natürlich schon. Aber vor allem über Freundschaft, auch Mitgefühl und Menschlichkeit. Und darüber, was Einsamkeit aus uns machen kann. Lauter irgendwie ernste Themen also, die Captain Underpants aber als ausgelassene Toilettenscherzattacke inszeniert. Also ganz im Sinne seiner eigentlichen Hauptfiguren.

„Captain Underpants“ ist nämlich die selbstgemalte Comicphantasie der beiden Grundschüler Harold und George, dickste Freunde seit Kindergartenzeiten. Das Ursprungsband ihrer Freundschaft ist ein wahrhaft skatologischer Flachwitz, für die beiden eine anal-astronomische Offenbarung: Hier ist jemand, der mich versteht, diesseits aller erwachsenen Ernsthaftig- und Humorlosigkeit. Fortan verbringen die beiden ihre Nachmittage im gemeinsamen Baumhaus und machen Comics: Harold zeichnet, George schreibt die Geschichten.

Doch nun, in der Grundschule, droht den beiden Gefahr! Mr. Krupp, der Direktor ihrer Grundschule, möchte die beiden in getrennte Klassen versetzen, um ihre Freundschaft zu zerstören. Denn die beiden hecken nicht nur Comics, sondern auch zahlreiche Streiche aus, um dem trüben Alltag an der Schule zu entgehen, die dank Krupps despotischer Regierung eher einer Strafanstalt als einem Ort des freudigen Lernens gleicht.

Eher versehentlich hypnotisieren George und Harold den Schuldirektor – mit einem Schnippsen ihrer Finger wird er zu „Captain Underpants“ und zieht auch alsbald los, die Menschheit zu beschützen und einsamen Katzen zu helfen, die in Bäumen feststecken. Es geht, das darf man sagen, dabei einiges sehr, sehr lustig sehr, sehr daneben.

Die ganze Grundidee ist schlichtweg beglückend bekloppt. Natürlich nutzen Harold und George es auch aus, dass sie ihren Schuldirektor nun kontrollieren können, was zu allerlei großartigen Szenen an der Schule führt, darunter nicht zuletzt ein wahrhaft symphonisch angelegtes Pupskonzert.

Was sich in der Beschreibung aber so anhört (und im hektischen Trailer auch so aussieht) wie ein überdrehter Unterhosenwitz auf Koffein, der vermutlich bald, pardon, nur noch streng riecht, ist in der Umsetzung wesentlich subtiler. Da stecken ruhige, geradezu nachdenkliche Momente drin, die eben nicht den direkten Weg des flachesten Scherzes nehmen. Da wird eine Pointe über zwei Drittel des Films hinweg geduldig vorbereitet und hingezogen. Da wird die vierte Wand durchbrochen, werden kleine Szenen als Comics, mit Sockenpuppen oder als Daumenkino gezeigt. Und natürlich nimmt die ganze Geschichte das Superheldengenre, so sehr es sich ihm selbst als „origin story“ eines neuen Helden selbst einschreibt, ganz gehörig auf die Schippe.

Vor allem aber verbietet sich der Film allzu simple Charakterzeichnungen; jede Figur hat so ihre Ambivalenzen, hat Einsamkeit und Zurückweisung erleiden müssen und macht, so gut es geht, das Beste daraus. Oder manchmal eben auch das Böseste in Gestalt einer hypertrophen Toilette. Der Blick darauf macht Captain Underpants zu einem in letzter Konsequenz zärtlichen Film, der seine Personen, sein Sujet ebenso liebevoll ernst nimmt wie die Traditionen, auf denen er aufbaut.

Autor Dav Pilkey, auf dessen Büchern der Film beruht, hat gut daran getan, nicht der erstbesten Verfilmung zuzustimmen; nun hat Dreamworks sich mit der Verfilmung von David Soren einen großen Gefallen getan: Einen selbstbewussten, reflektierten Film voller Pupswitze.

Ein Triumph des skatologischen Humors. Eine Sinfonie der Fürze. Ein Glück.

Captain Underpants – Der supertolle erste Film (Captain Underpants: The First Epic Movie), USA 2017. Regie: David Soren, 89 Minuten. Kinostart: 12. Oktober 2017. FSK 0, empfohlen ab 7 Jahren.

(Fotos: 20th Century Fox/Dreamworks)

Schlingel 2017: Im huckligen buckligen Wald (2016)

Die Waldmaus Claus verbringt ihre Tage singend und schnorrend im Wald; wenn sie Hunger ein, lädt sie sich bei anderen Mäusen oder bei Familie Bär selbst zum Essen ein, und dafür gibt es immerzu ein fröhliches Lied auf der Gitarre. Das könnte sich zu einer Fabel à la Grille und Ameise über Arbeitsmoral, Vorratshaltung und böses Schnorrertum wenden, aber weil wir im wunderbaren Tieruniversum von Rasmus A. Sivertsen sind, wird aus Im huckligen buckligen Wald etwas ganz anderes. Auch etwas recht Seltsames, zugegeben, aber jedenfalls unterhaltsamer. Und sehr, sehr musikalisch.

schlingel_logo_schraeg_219 Maus Morten hat sich beim Bäckerhasen eine Torte gekauft, weil am nächsten Tag seine Großmutter zu Besuch kommen will. Marvin der Fuchs aber mag für Gebäck nicht zahlen, ist aber durchaus nicht der listigste Spieler im Wald… und weil sein Hunger aber den kleineren Tieren gefährlich zu werden droht, setzt Morten einen Gesetzestext auf: Alle Tiere im Wald sollen Freunde sein – und keines soll das andere essen. Der Bär (“So eine Schande, dass die Tiere einander essen”) ruft eine Versammlung ein…

Keine Angst, Im huckligen buckligen Wald ist eine absolut auch für kleine Kinder taugliche Geschichte. Hier wird niemand gefressen, sondern eine im Kern vegetarische Gesellschaftsordnung angelegt, der der Fuchs nur durch einen Ausflug auf den benachbarten Bauernhof zu begegnen weiß; aber auch dort muss „nur“ der bereits geräucherte Schinken drang glauben.

Dass das irgendwie doch in Ordnung ist, ist eine der Inkonsistenzen und Merkwürdigkeiten dieses sonst bis in die letzte Haarspitze seiner Figuren charmanten Films. Die zweite wichtige sind die seltsamen Menschenfiguren, der sehr tolpatschige Bauer und die sehr skrupellose, keifende Bäuerin. Sie sind (auch Geschlechter-)Stereotype der derben Sorte, die aber nach Chicken Run – Hennen Rennen schon recht verbraucht wirken. Vor allem fallen sie aus dem grundlegend unzynischen Figurenreigen der Waldtiere sehr auffällig heraus – als Menschen haben sie die Rolle der absoluten Bösewichter andererseits vielleicht auch einfach verdient.

Es gibt ein paar aufregende, auch spannende Momente, aber nichts wirklich Dramatisches passiert; Sivertsen will sein Publikum vor allem durch die zahlreichen Lieder und Slapstickmomente bei Laune halten, und das gelingt ihm aufs Allerfeinste. Die elegante Animation tut ihr übriges dazu – aus Norwegen kommt, das hat der Regisseur auch mit seinen Louis & Luca-Filmen (Louis & Luca – Das große Käserennen kommt im Oktober 2017 endlich in die deutschen Kinos) bewiesen, Stop-Motion-Produktionen, die sich weder technisch noch in der Qualität ihrer Geschichten hinter den großen wie Aardman oder Laika verstecken muss.

Im huckligen buckligen Wald (Dyrene i Hakkebakkeskogen), Norwegen 2016. Regie: Rasmus A. Sivertsen, 75 Minuten. Empfohlen ab 5 Jahren (Auf dem Schlingel-Festival).